Urindünger

Warum Urindünger?

“Immer, wenn ich ein englisches Wasserklosett benutze, habe ich dasselbe schlechte Gewissen, wie wenn ich Auto fahre oder fliege. Die Wassertoilette ist eine der vielen gefährlichen Sackgassen unserer Zivilisation.”

 

Friedrich Hundertwasser (1975): Scheiße wird Erde

Für die sozial-ökologische Transformation ist eine zirkuläre Betrachtung der Dünger- und Nahrungsproduktion zentral. Eine wichtige Nährstoffressource ist menschlicher Urin. Denn der Großteil der Nährstoffe im kommunalen Abwasser stammt aus Toiletten. Urin zum Beispiel entspricht weniger als 1 % des gesamten Abwasservolumens, trägt jedoch 70-80 % des N und 45-60 % des P im kommunalen Abwasser bei.

Wie und wo entsteht Dünger aus Urin?

Es wurden in den letzten Jahren in Deutschland und in der Schweiz Verfahren entwickelt, die aus Urin einen schadstofffreien und hygienischen mineralischen Mehrnährstoff-Flüssigdünger herstellen. Der zentrale Prozessschritt ist dabei die Nitrifikation.

Das Vuna-Verfahren (↗) wurde an der Eawag entwickelt und durch die Vuna GmbH kommerzialisiert. Für das Produkt „Aurin“ (↗) erfolgte 2018 die weltweit erste Zulassung als Zierpflanzen- und Gemüse-Dünger aus Urin, gültig für die Schweiz und Liechtenstein.

Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrtforschung (DLR ↗) in Köln forscht zu Urin-Recycling und bioregenerativen Lebenserhaltungssystemen, die das Überleben einer Crew auf fremden Himmelskörpern wie Mond oder Mars ermöglichen sollen. So wurde das C.R.O.P.®-Verfahren (Combined Regenerative Organic food Production) entwickelt, das den in Astronaut:innen-Urin enthaltenen Harnstoff in direkt pflanzenverfügbares Nitrat umsetzt. Aufgrund der Parallelen zwischen geschlossenen Materialkreisläufen auf einer Raumbasis und einer nachhaltigen, zirkulären Nutzung von Ressourcen auf der Erde, strebt das DLR auch einen Einsatz des C.R.O.P.®-Verfahrens und des C.R.O.P.®-Düngers auf der Erde an.

Wie wirkt der dünger?

Am IGZ haben wir bereits mehrere Versuche mit C.R.O.P.® und Aurin sowie anderen Recyclingdüngern aus menschlichen Fäkalien durchgeführt. Wir konnten dabei belegen, dass die Produkte mit anderen Mineraldüngern in der Wirkung vergleichbar sind und gleichzeitig viel geringere Schwermetallbelastungen gegenüber einigen gängigen Mineraldüngern verzeichnen.

Mit dem Urban Cycles Projekt wollen wir dementsprechend den gesellschaftspolitischen Dialog zur Zulassung und Förderung von Recyclingdüngern eröffnen.

dürfen wir das?

Aktuell ist die Anwendung von Recyclingdüngern aus menschlichem Urin (und/oder aus menschlicher Fäzes) weder in Deutschland noch in der EU von existierenden rechtlichen Regelungen abgedeckt und somit in der Agrar- und Gartenbau-Praxis nicht möglich. Konkret liegt das daran, dass getrennt von Abwasser gesammelte menschliche Fäkalien rechtlich nicht existieren, weil sie weder als Abwasser (im Abwasserrecht), noch als Abfallstoff (im Abfallrecht) oder gar als Ausgangsstoff zur Düngerherstellung (im Düngerecht) definiert sind. Damit ist derzeit sowohl das Inverkehrbringen als auch die Nutzung der Recyclingdünger rechtlich nicht abgedeckt und nicht reguliert; das gilt für essbare Produkte wie für Zierpflanzen.

Deswegen experimentieren wir (oder besser gesagt: Ihr) mit einem Dünger aus künstlichem Urin.

Da wir dieses Projekt als Citizen Science Projekt betreiben (das heißt: Forschung mit Bürger*innen; im Urban Cycles: Mit Gärtner*innen), können wir hier rechtlich gesehen keinen Recyclingdünger aus menschlichem Urin verwenden. Zur Entwicklung der C.R.O.P.®-Technologie wird am DLR aktuell synthetischer Urin im Labor aus Standard-Chemikalien hergestellt (vor allem Harnstoff) und gleicht in seiner Zusammensetzung menschlichem Urin und der C.R.O.P.®-Dünger einem Recyclingdünger aus menschlichem Urin. Aufgrund der verwendeten Ausgangsstoffe kann dieser Dünger legal verteilt und genutzt werden. Der C.R.O.P.®-Dünger ist hygienisch unbedenklich und kann problemlos von den Gärten genutzt werden.

Habt ihr noch fragen?

Wenn es ihr noch Fragen zum Dünger oder zum Projekt habt, sprecht uns gerne an. Wir freuen uns!